Eine Weihnachtsgeschichte

Es war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wir schreiben das Jahr 1877. Bei der Post in Oberrohrdorf herrscht Feststimmung. Ein Stammhalter ist geboren. Zur Erinnerung an dieses grosse Ereignis setzt ein paar Tage später der stolze Vater des gesunden Buben ein kleines Bäumchen im Garten. Es ist ein Mammutbaum, gebürtig aus Kalifornien, den er von einem Gärtnerkollegen geschenkt bekommen hat.

Winzig steht er da im grossen Postgarten, in seinem olivgrünen Nadelkleid.

Anfangs braucht er hingebungsvolle Pflege, bis er Wurzeln geschlagen hat und seine Nahrung aus dem Boden beziehen kann. Dann aber wächst und wächst er, wie es einem Mammutbaum wohl ansteht. Öfters schielt er hinüber zum Kirchturm. Doch dieser steht unbeeindruckt bei der grossen Martinskirche und wackelt mit seinen Glocken. Was kümmert ihn dieser Winzling!

Langweile kennt er keine, unser kleiner Gernegross. In unmittelbarer Nähe, über der Strasse steht das alte Schulhaus . Hier herrscht tagsüber immer viel Betrieb und Kinderlärm. Hie und da fährt ein Bauernfuhrwerk vorbei, ein Kuhgespann mit Leiterwagen. Vornehme Leute sind mit dem Landauer unterwegs und mindestens einmal in der Woche erschallt das Posthorn.

Noch ist der Nadelbaum nicht viel grösser als der Bub, zu dessen Erinnerung er gepflanzt worden ist, und der seine ersten Schritte im Garten ausprobiert. Der Kleine ist noch wackelig auf den Beinen und froh, wenn er Hilfestellung bei seinem Baum-Paten holen kann. Das kostet manchmal das Bäumchen ein paar Nadeln, aber die wachsen rasch wieder nach.

Ende des Jahrhunderts kommt leben in den Dorfkern. Eine tiefe Grube wird ausgehoben und reger Baulärm beherrscht fortan das Dorfleben bis 1901 das neue Schulhaus steht und mit einem fröhlichen Fest eingeweiht wird. Die Spitze unseres Mammutbaumes reicht inzwischen schon über den ersten Stock des Postgebäudes hinaus. Gleich angrenzend an den Garten erhebt sich ein mächtiges Bauerngehöft. Auf dem Hofplatz steht ein alter Sodbrunnen. Er ist am Zerfallen und wird wohl eines Tages eingedeckt werden. Gierig gräbt der Mammutbaum seine Wurzeln tiefer. Zum Wachsen braucht er sehr viel Wasser.

Mit seiner zentralen Stellung im Dorf hat er auch über die Sitten und Gebräuche in der Gemeinde zu wachen.

Insbesondere auf den Paragraphen 39 der damaligen Polizeiverordnung hat er ein Augenmerk, der besagt: "Das Herumschwärmen schulpflichtiger Kinder nach dem Betzeitläuten ist untersagt!" Paragraph 21 ist eine Verkehrsregel :"Gegen einander fahrende Fuhrwerke sollen je zur Hälfte rechts ausweichen." Und im Paragraph 22 wird von den Radfahrern verlangt, dass sie allzu schnelles Fahren durch den Ort unterlassen sollen.

Nach dem ersten Weltkrieg ist unser Baum bereits über das Postgebäude hinausgewachsen. Misstrauisch schaut jetzt der alte Kirchturm herüber und schüttelt seine Glocken anklagend ob der Konkurrenz, die ihm da in nächster Nähe erwächst.

Im August 1939 wird die alte Kirche zu "St. Martin " abgerissen. Ängstlich steht der Kirchturm allein auf dem Kirchplatz. Doch ihn lässt man stehen und schon einen Monat später verkünden seine Glocken den Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Im Schulhaus ziehen schon bald die ersten Grünröcke ein und fortan belebt Soldatenalltag das Dorfbild unseres Mammutbaumes. Wie sind diese Mannen froh, wenn sie nach hartem Waffendrill eine Verschnaufpause in seinem Schatten auskosten können.

Schon ein Jahr später, im Oktober 1940 kann die neue Kirche eingeweiht werden. Viele Plätze auf der Männerseite sind leer, weil das Land alle Wehrfähigen einberufen hat. Erst am 8. Mai 1945 läuten die alten Glocken des Kirchturms das Ende des unseligen Krieges ein. Dies war wohl noch die wichtigste Amtshandlung , die sie auszuführen hatten , denn bereits 10 Jahre später werden sie durch ein neues Geläut ausgewechselt.

Unserem Mammutbaum im alten Postgarten scheint, als hätten die neuen Glocken der Martinskirche das verträumte Bauerndorf aus seinem Schlaf gerissen. Verstaubte Strassen werden mit Teer beschmiert und an allen Ecken und Enden wird gebaut. Neue Wohnviertel entstehen und vertreiben altehrwürdige Gebäude. Mehrmals bangt unser Baum in dieser Zeit um sein Leben, wenn in nächster Nähe lärmige Baumaschinen auffahren und alles niederreissen. Doch 1960 wird ihm mit der neuen Natur- und Heimatschutzverordnung der Gemeinde seine Daseinsberechtigung offiziell verbrieft.

Anno 1977 wird er einer ersten Musterung unterzogen und im Laufe des Sommers von einem Geometerbüro ausgemessen. Sein Gardemass betrug sage und schreibe 34,5 Meter Höhe bei einem Stammumfang von 7.5 m. Somit hat er seine Diensttauglichkeit sicher bewiesen und wird militärisch dem Landsturm zugeteilt, obwohl er noch nicht ausgewachsen ist. Noch überragt ihn der Kirchturm um einiges, doch das ist nur noch eine Frage der Zeit. Er ist ja auch erst gute 100 Jahre alt, dies bei einer Lebenserwartung von über 2000 Jahren.

Um die Jahrtausendwende endlich hat er seinen alten Widersacher, den Kirchturm an Höhe überholt und ist zur überragendsten Persönlichkeit im Dorf geworden.
Obwohl er seinen Standort nie gewechselt hat, hat er inzwischen nach allen Seiten neue Nachbarn bekommen. Das alte Bauernhaus mit dem Sodbrunnen ist einem modernen Post- und Bankgebäude gewichen mit einem Restaurant im ersten Stock.

Das Schulhaus über der Strasse ist längst zur Gemeindeverwaltung mutiert. Die geschichtsträchtige Zähnteschüür hat im Laufe des letzten Jahrhunderts einiges an Umgestaltung und Kosmetik erfahren; vom Bauernhof zur Mühle-zur Turnhalle ist sie heute zum kulturellen Treffpunkt im Ring geworden.

Gott sei Dank ist die Kirche im Dorf geblieben. Doch auch hier haben sich neue Töne eingeschlichen, wenn nämlich vom Gwigg her die Glocken der reformierten Kirche den Glocken der Martinskirche ins Geläute fallen.

Im Jahre 2004 schlägt für unsern Mammutbaum die grosse Stunde. Mitten im trüben November beginnt ein hektisches Treiben im alten Postgarten. Mit riesigen Hebebühnen wird dem völlig verdutzten Nadelbaum ein Lichterkleid übergestreift und bald schon, auf den ersten Advent hin erstrahlt er als der grösste Christbaum im ganzen Land.

"Mehr Licht für die Welt" - diese Weihnachtsbotschaft trägt er in die Dunkelheit dieser Welt hinaus. Von Nah und Fern kommen die Besucher und nehmen ein Stück Weihnachtslicht im Herzen nach Hause.

Unter seinen weitausladenden Ästen stehen drei Engel und verkünden uns die frohe Botschaft des Friedens. Durch viele Spenden und fleissige Hände wird dieses Wunder auch dieses Jahr wieder geschehen. Am Abend des ersten Adventssonntag wird unser lieber Mammutchristbaum im neuen Glanz von über 2000 Kerzen erstrahlen und mehr Licht und Wärme in diese dunkle und kalte Welt bringen und mit seinem Glanz unsere Herzen auf das Weihnachtsfest einstimmen.
Es ist dies sicher das grösste Beispiel von Nachhaltigkeit, als dieser Mann 1877 den kleinen Nadelbaum aus Kalifornien in seinem Postgarten setzte.
Auch ich wünsche Ihnen allen eine schöne Adventszeit !

22. November 2005 – Toni Merki, Gemeindeammann von Oberrohrdorf-Staretschwil